6 Gründe, warum die Modeszene rassistisch ist

Paris ist die Stadt der Mode. Daneben ist nicht viel Platz: Mailand, New York und London schaffen es noch in dieselbe Kategorie. Alles andere wird von der konventionellen Modebranche belächelt oder als exotisch abgetan. Warum ist Mode ein Privileg weißer, reicher und dünner Menschen?

Ein ausuferndes Thema wie dieses braucht mehr als eine Punkteliste. Deshalb ist dieser Beitrag auch nur der Beginn einer 6-teiligen Reihe. Den Start möchte ich nutzen, um meine eigenen Privilegien zu reflektieren: Ich bin weiß (meine Kärntner Oma ist das einzige ‚exotische’ an mir), mein Konto ist okay und mein BMI sagt ich habe ‚Normal’-Gewicht. Mich haben also die meisten dieser Themen nie betroffen. Lange hatte ich die Position, dass sie mir auch gleichgültig sein konnten. Es war also schon längst überfällig mich mit diesen Privilegien auseinanderzusetzen und sie zu hinterfragen. Durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema und das Aufzeigen der Missstände, versuche ich dazu beizutragen sie zu vernichten.

1. ‚Früher war alles besser’: Die rassistische Vergangenheit

Die Modebranche lebt noch immer in ihrer wenig glorreichen – vor allem rassistischen – Vergangenheit. John Gallianos rassistische Ausbrüche waren bereits Teil der öffentlichen Debatte. Im Zuge dessen wurde er auch von Dior gekündigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Wenig bekannt ist aber, dass Christian Dior selbst in den Kriegsjahren die Ehefrauen von Nazioffizieren eingekleidet hat. Von Coco Chanel ist hauptsächlich ihre extravagante Art bekannt. Sie gilt als eine Frau, die der Emanzipation durch mutige Entwürfe eine Form gegeben hat. Es wird wenig darüber gesprochen, dass Coco Chanel rassistisch, homophob und nur aufs eigene Wohl bedacht war. Sie versuchte die Gesetze zur Arisierung zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen und befand sich in den besten Nazi-Kreisen der Stadt.

Die ersten Aufträge von Hugo Boss waren braune Hemden. Dieses Geschäft erwies sich für ihn als sehr lukrativ, wurde er doch zum Hauptlieferanten für die Parteikleidung der Nationalsozialisten. Kein Wunder, mit Zwangsarbeitern aus Frankreich und Portugal ist es leicht, finanziell gut dazustehen. Rein wirtschaftliches Interesse kann es nicht gewesen sein: Bereits 1931 tritt Hugo Boss der NSDAP bei. Man sieht also, diese Liste könnte man ewig weiterführen.

Soll man die Vergangenheit wirklich ruhen lassen? Die Modebranche beherrscht das sehr gut. Sie begnügt sich mit mangelnder Aufarbeitung, mangelnder Recherche und fördert Diskriminierung, obwohl sie Vielfalt kreieren möchte.

2. Cultural Appropriation

Im November 2015 erschien Gigi Hadid auf dem Cover der italienischen Vogue. Fans waren begeistert. Das Problem war vielmehr, dass sie auf jedem Foto einen Afro trug. Wenn die Vogue diesen Look wünscht, warum nehmen sie dann kein schwarzes Model?

‚Cultural Appropriation’ ist Standard in der Modebranche. Victoria’s Secret schmückte eines ihrer Models – statt mit den typischen Engelsflügeln – mit einem sogenannten ‚Indianer’-Kopfschmuck. Dazu trug das Model einen Leopardenbikini. Der traditionelle Kopfschmuck wurde in einem sexualisierten Kontext dargestellt, der mit dem eigentlichen Zweck nichts zu tun hat. Eine ungewollte Sexualisierung ist beleidigend und unangenehm, da es die Geschichte und Kultur der Menschen nicht anerkennt. Eine ganze Kultur wird zu Konsumzwecken sexualisiert, wobei die eigenen Werte komplett ignoriert werden.

Die ehemalige Fotografin und jetzige Schmuckdesignerin Sanaa Hamid stellte die unterschiedliche Sicht zweier Menschen auf dasselbe Kleidungsstück dar. Die Fotografien sind mit kurzen Sätzen der Abgebildeten beschriftet und zeigen, wie viel Bedeutung ein Kleidungsstück haben kann, das für andere nur stylish ist.

When we applaud fashion giants and white communities for their contemporary variations of cornrows, we neglect to acknowledge the stigma surrounding natural hair and hairstyles for people of color.
Yasmine Rimawi, theestablishment.co

Flechtwerk bei @marinahoermanseder #bfw #dbms #derberlinermodesalon #ShotOniPhone7Plus #PortraitMode

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Mini Buns wurden von Marc Jacobs erfunden, Cornrows von Kendall Jenner: Die Modebranche informiert nicht darüber, dass es diese Frisuren schon vorher gab. Bantu Knots und Cornrows sind kein Trend, ebenso wenig wurden sie von weißen Designern und Celebrities erfunden. Schwarze Menschen müssen sich für diese Frisuren rechtfertigen und erfahren dadurch den Ausschluss aus diversen Gemeinschaften (u.a. einer Schule) und in vielen Fällen auch politische Verfolgung. Weiße Menschen werden für Frisuren verehrt, die sie abends gemeinsam mit der Mom Jeans wieder ablegen können, um einem neuen ‚Trend’ zu folgen.

3. Blackfacing: Noch immer auf dem Cover

Es heißt: Blackfacing ist doch schon längst vorbei. Die Zeit der Minstrel Shows, in denen sich weiße Schauspieler schwarz anmalten, um Schwarze auf rassistische Weise zu parodieren, ist Vergangenheit. Das gilt jedoch nicht für Modezeitschriften. Hier möchte man angeblich universelle Schönheit zeigen, indem man weißen Models einen Anstrich verpasst.

Im Gegensatz zur Minstrel Show, dem Ursprung des Blackface, wird in Modemagazinen nicht versucht, eine „hässliche“ Karikatur zu zeichnen. Die rassistische Fantasie, der die Modeindustrie hier immer wieder folgt, fußt darauf, vermeintlich „Schönes“ bzw. „Schönheit“ zu produzieren und somit frei von jeder Verantwortung zu sein.
Julia Brilling, blog.feministische-studien.de

Es wird aber dadurch nichts Schönes produziert, sondern wenn überhaupt etwas oberflächlich Stereotypes. Weibliche Körper werden angemalt, um eine Schönheit zu produzieren, die es so gar nicht geben kann. Sexismus ist ein Teil des Ganzen.

4. Klare Machtverhältnisse: Kapitalismus & Mode

Infographik über Rassismus in der Mode

Die berühmten Modestädte befinden sich in Europa und den USA – durch die neue Kaufkraft kommen auch Shanghai und Dubai hinzu. Afrikanische Städte als Modezentren zu bezeichnen, würde uns nicht in den Sinn kommen.

Es ist eine weit verbreitete Einstellung, dass all diejenigen, die nicht dazu gehören, keine „richtige“ Mode machen. Was aus Paris, Mailand, London oder New York kommt, ist demnach richtige Mode, aber alles andere sind nur Kleider oder noch einfacher: Bekleidung.[1]
Tansy E. Hoskins

Doch genau die Menschen ohne „richtige“ Mode nähen unsere Kleidung und sterben zum Teil auch daran. Wir zwingen andere Menschen etwas zu tun, um uns zu nutzen. Doch nicht nur über die Näherinnen wird bestimmt, sondern auch über die Konsumenten. Die strenge Hierarchie der Modewelt wird uns durch Filme, Modezeitschriften und Social Media beigebracht. Hier gibt sich die Modeszene gerne als inklusiv und feiert Diversity.

Die Vielfalt der Modewelt spiegelt sich aber leider nicht bei Kampagnen und Fashion Shows wider. Im Gegenteil: Noch immer bestehen Modeschauen zu 80% aus weißen Models[2]. Das gängige Verhalten von Castingagenturen ist es, sogenannte ‚exotische’ Models gleich auszuschließen.

Es sei denn natürlich es geht genau um solche Kampagnen – Models verkleiden sich als Pfaue und spazieren mit Wildtieren durch die Gegend. Reichlich klischeehaft? Gerne werden schwarze Models auch zur Hintergrund-Aufhübschung genutzt. Models of Colour auf gleichberechtigten Gruppenfotos oder Titelbildern zu finden ist selten. Die Machtstrukturen der Modebranche sind verhärtet.

Hello? It’s obviously me you’re looking for, so come over?☎️ #XOXOVictoria

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5. Orientalismus

Was ist Orientalismus überhaupt? Kurz gesagt: die Art und Weise wie der Westen den Osten wahrnimmt und definiert. Schon bald nach dem ersten Kontakt begann der Westen diese Einflüsse umzusetzen. Das Exotische, Mysteriöse und Abnormale wurde dargestellt. Auf Porzellan fanden sich stereotypisierte, orientalische Muster, Kleidungsstücke erhielten durch den ‚asiatischen Touch’ etwas Anrüchiges.

Importantly, this relationship — what Said terms “Orientalism” — draws upon exaggerations of both Occidental and Oriental traits in order to create an Orientalist fantasy that is a fictional recapitulation of both East and West.(…)Asia becomes an “Otherized” fiction of everything the West is not, and one that primarily serves to reinforce the West’s own moral conception of itself.
Jenn, Reappropriate.co

Der französische Modedesigner Paul Poiret veranstaltete 1911 das Fest der Tausendundzweiten Nacht. Poiret war einer der ersten, der es verstand, sich selbst zu vermarkten und dadurch wiederum seine Kleider. Nach außen hin gab er eine große Party mit Kleidern und Kostümen, die möglichst exotisch und orientalisch wirken sollten. Genau genommen wollte Poiret bloß seine neuesten Kreationen präsentieren. Zu Beginn dieses Festes befand sich der Designer mit seiner Frau in einem großen goldenen Käfig, aus welchem er erst befreit werden musste. Das war 1911.

Paul Poiret was one of the finest couturiers in fashion history. His interest „in l’art de vivre found its most tangible expression in his highly theatrical costume parties. The most extravagant was „The Thousand and Second Night,“ which took place in the garden of his atelier on June 24, 1911, and which revealed the strong influence of Sergei Diaghilev’s Ballets Russes on the designer’s imagination. In his memoirs, Poiret dismissed any relationship between his work and the artistry of Diaghilev’s talented designer, Léon Bakst. But the spectacular success of Schéhérazade from One Thousand and One Nights a year before Poiret’s lavish party makes clear that the designer was willing to parlay the excitement generated by the Russians to his own advantage“. Pictured here: 1911 fancy dress costume, The Metropolitan Museum of Art. #fashionfriday #ff #couture #fashiondesigner #paulpoiret #fancydress #metropolitanmuseumofart #fashion

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Mittlerweile sind mehr als 100 Jahre vergangen. Obwohl wir die Welt bereisen wie nie zuvor, wird noch immer mit befremdlichen Bildern geworben. Victoria’s Secret designte ‚Geisha Dessous’, die von einem weißen Model mit asiatisch angehauchter Frisur, präsentiert wurden. Wieder wird Tradition aus dem Kontext gegriffen und mit Sexualität aufgeladen. Kultur wird als paranormal und mystisch dargestellt, Stereotype werden verstärkt.

6. Islamophobie: Wie Muslimas von der Modeindustrie dargestellt werden

Vollverschleierung vs. Burka-Verbot. Unterdrückung vs. Selbstbestimmung. Diese Schlagwörter lesen wir täglich in der Zeitung. Eine badende Frau in Frankreich wird vor den Augen der Leute gezwungen, sich auszuziehen. In Österreich befindet sich das Verschleierungsverbot bereits in Begutachtung – Burka und Niqab soll bald auf Strafe verboten werden. Gerechtfertigt wird dieses Gesetz damit, dass den Frauen aus ihrer Unterdrückung geholfen werden soll. Die patriarchalische Verschleierung soll aufgehoben werden – sagen die Minister.

In the public debate, it was other people who were thinking and talking about this and I saw that the girls themselves… their voices weren’t really heard […] If their voices were heard it was like, ‘Aren’t you oppressed?’”
Ahlam Abdelkader, muslimgirl.com

Mode war immer schon verbunden mit sozialer Zugehörigkeit, Religion, Geschichte und Familie. In Zeiten von fast fashion werden diese Werte immer unwichtiger – zumindest was die westliche Kleidung betrifft. Viele Muslimas treffen freiwillig die Entscheidung, ob sie sich verhüllen wollen oder nicht. Das Stereotyp der leidenden Muslima wird durch die Modeindustrie und Popkultur weiter bestärkt. Man sieht Lady Gaga, die sich in eine pinke Burka hüllt und auf den sexuellen Befreiungsschlag wartet.

Die westliche Modebranche hat Muslimas noch nicht vollständig als Kundschaft erfasst. Und das obwohl 11% der globalen Modeausnahmen auf Muslime zurückzuführen sind. Momentan ist hier hauptsächlich der Luxusmarkt von Bedeutung. Der restliche Markt gilt als so gut wie unentdeckt, was Muslime zum größten unerschlossenen Kundenstamm macht. Durch die immer größer werdende Anzahl an muslimischen Bloggerinnen erfährt aber auch dieser Markt gerade einen Boom.


Weiterlesen

  1. Tansy E. Hoskins, Das antikapitalistische Buch der Mode, Zürich 2016.
  2. Cultural Appropriation: The Fashionable Face of Racism von Chimene Suleyman
    https://mediadiversified.org/2014/02/06/cultural-appropriation-the-fashionable-face-of-racism
  3. The Politics Of “Man Braids” von Yasmine Rimawi
    https://theestablishment.co/the-politics-of-man-braids-59296a458181#.eoxvc8q4i
  4. When We Talk About Cultural Appropriation, We’re Missing The Point von Ijeoma Oluo
    https://theestablishment.co/when-we-talk-about-cultural-appropriation-were-missing-the-point-abe853ff3376#.d4gnx0agc
  5. Black And White: Why Appropriation Hurts Deeply von Simone Beckom
    http://styleblazer.com/413765/appropriation-fashion-highest-form-flattery/
  6. Der koloniale Catwalk: Rassismus in der Welt der Mode von Julia Brilling
    http://blog.feministische-studien.de/2015/06/der-koloniale-catwalk-rassismus-in-der-welt-der-mode/
  7. Is Representation In The Fashion Industry Activism Or A Gimmick? von Jessica De La Cruz
    https://theestablishment.co/is-representation-in-the-fashion-industry-activism-or-a-gimmick-fec014c2b01#.ryi5gc9m0
  8. New York Fashion Week: Diversity Talks But White Faces Walk von Kate Dries
    http://jezebel.com/new-york-fashion-week-diversity-talks-but-white-faces-1522416724
  9. Why Fashion Should Stop Trying to be Diverse von Minh-ha T.Pham
    https://iheartthreadbared.wordpress.com/2013/09/30/just-stop/
  10. Blackfashion
    http://blog.blackfashionmag.com/ABOUT
  11. What is Orientalism, and how is it also racism? von Jenn
    http://reappropriate.co/2014/04/what-is-orientalism-and-how-is-it-also-racism/
  12. Ethical Fashion: Why I Stopped Buying Cheap Clothes von Sobia Masood
    http://muslimgirl.com/18547/stop-buying-cheap-clothes-shop-ethically/
  13. Islamophobia & Fashion
    http://fashionableislam.weebly.com/works-cited.html
  14. Meet the ‘Hijabistas’ Who Are Merging Fashion and Faith von Ahlam Abdelkader
    http://muslimgirl.com/30849/meet-hijabistas-merging-fashion-faith/
  15. Wearing A Hijab Isn’t The Way You Should Show Support For Muslim Women von Shireen Ahmed
    https://theestablishment.co/wearing-a-hijab-isnt-the-way-you-should-show-support-for-muslim-women-today-or-ever-15ca055d866d#.4w70h5rn8
  16. Muslim Feminists Respond: On Headscarves and Interfaith Solidarity von ‚Guest Blogger’
    http://muslimgirl.com/18130/muslim-feminists-respond-hijab-interfaith-solidarity/
  17. 10 Muslim Fashion Bloggers You Need to Be Following von Maha Syeda
    http://muslimgirl.com/32608/10-muslim-fashion-styles-you-need-to-be-following/
  18. Audream – mobile antirassistische Bibliothek
    http://www.feminism-unlimited.org/2017/02/audream/


[1] Hoskins 2016, S. 14.

[2] Dries, jezebel.com.

Beitragsbild: Pixabay

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