Färöer Inseln: Ein Sommer bei 12 Grad und Nebel

50.000 Einwohner_innen, 70.000 Schafe, eine Million Papageientaucher und unzählige Fische: Das sind die Färöer Inseln. Von 18 Inseln sind 17 bewohnt, manche von ihnen nur sehr spärlich. Rund 20.000 Menschen wohnen in der Kommune und gleichnamigen Hauptstadt Tórshavn, zu der die Ansässigen knapp Havn – also Hafen – sagen. Langsam werden die Inseln nun von Tourist_innen entdeckt. Der Norden ist gerade in und Hygge das neue Stichwort: Wer also genug vom übrigen Skandinavien hat und Island zu überlaufen findet, der findet auf den Färöern den abenteuerlustigen aber einsamen Outdoor-Urlaub.

Schroffe Felsen und Moos-Romantik

Grün und grau: das sind die vorherrschenden Farben der Insel-Gruppe. Hunderte Moos-Arten und Flechten blühen auf der Insel – doch ganz schnell stehen Wanderbegeisterte wieder vor einem schroffen Abhang, zu dem man lieber Abstand wahren sollte. Regelmäßige Nebelschwaden und Nieselregen sind perfekt für melancholische Weltenbummler_innen. Die Regenbögen nach solchen Schauern versöhnen all jene, die sich vom Sommer doch mehr erwartet haben.

Nebel auf einer Wanderung in Gjógv
Nebel auf einer Wanderung in Gjógv

Bäume sind weder in der Moos-Metropole, noch auf dem Rest der Insel anzutreffen. Klar, mittlerweile gibt es einige Versuche kleine Forste aufzubauen. Zumindest ein Teil der Christbäume soll selbst aufgezüchtet werden, damit nicht alles aus Dänemark importiert werden muss. Papageientaucher auf Färöischen Insel MykinesRomantik finden Reisende auf Mykines. Die Insel zieht im Sommer Tourist_innen an, da dort Papageientaucher brüten und leicht vor die Linse zu bekommen sind. Folgt man dem Puffin-Trail, stößt man daher auf einige Reisegruppen. Andere Wanderwege zahlen sich also aus, sollte man sich von den kleinen Vögeln sattgesehen haben. Über steile Felsenabhänge hinweg springen Schafe, dazwischen eine Ruine und matschiger Boden. Doch eine schlechte Nachricht gibt es: Nicht alle werden das Glück haben, Mykines zu besuchen. Die Anlegestelle ist nicht dafür gedacht bei rauer See anzulegen – der Wellengang ist einfach zu hoch und würde die Personenfähre dagegen schleudern. Auch der Helicopter hat bei starkem Wind keine Chance zu landen. Die sieben bis acht permanenten Einwohner_innen müssen sich also immer darauf gefasst machen, von der Außenwelt abgeschnitten zu werden. Mit seinen Nachbar_innen sollte man es sich am besten nicht verscherzen!

Schafe auf der färöischen Insel Mykines
Schafe auf der Insel Mykines

Tosar tú føroyskt?

Färöisch gehört gemeinsam mit Isländisch zu den westnordgermanischen Sprachen. Ungefähr 80.000 Menschen sprechen diese Sprache weltweit. Neben den Färöern leben die meisten Färöisch sprechenden Menschen in Dänemark. Aufgrund der gemeinsamen Geschichte und der Nähe bietet sich Dänemark als zweite Heimat an – Kopenhagen ist für Färinger_innen die nächstgelegene Großstadt. Aus reiner Neugier habe ich mich daher selbst gefragt, wie es ist, Färöisch zu sprechen. Ist es ähnlich wie Dänisch und Isländisch? Werden mir diese Sprachkenntnisse beim Lernen helfen? Durch ein Teilstipendium an der Fróðskaparsetur Føroya konnte ich das endlich herausfinden und besuchte drei Wochen lang einen Crash-Kurs in färöischer Sprache und Kultur. Zum Kulturprogramm gehören natürlich die alten Balladen – kvæði genannt. Zu diesen Heldenliedern tanzen die Färinger_innen den Kettentanz, stampfen und singen dazu. Üben kann man das über Youtube, einfach 10 Minuten mit der örtlichen Volkstanzgruppe mitstampfen. (Das Ganze gibt es auch in moderner Metal-Version von Tyr.) Selbstbewusstsein haben die Bewohner_innen der Insel-Gruppe auf jeden Fall! Als 104. Sprache wollen sie nun ebenfalls in Google Translate aufgenommen werden. Sollte Google der Forderung nachkommen, werden sich einige Tourist_innen wundern, warum das geschriebene Färöisch so gänzlich von der Aussprache abweicht.

Tórshavn - Die Hauptstadt der Färöer
Tinganes in Tórshaven

Wo sind die Frauen?

Schon 2016 lebten auf der Inselgruppe 1.600 mehr Männer als Frauen. Das klingt nicht nach besonders viel, für die Färinger_innen könnte die Abwanderungstendenz aber zu einem Problem werden. Möchte man etwas studieren, das auf der kleinen Uni in Tórshavn nicht angeboten wird, muss man wegziehen. Möchte man einfach mal raus und eine größere Stadt kennenlernen, ebenfalls. Vor allem Frauen kommen nicht wieder zurück, wenn sie erst mal in Dänemark sind. Dort finden sie den passenden Job zu ihrer Ausbildung und leben doch etwas moderner als auf der konservativen Insel-Gruppe. Während Skandinavien als modern und fortschrittlich gilt, ist die Kirche auf den Färöern noch sehr dominant, Frauen arbeiten oft in Teilzeit-Jobs und die LGBT Community hat es noch um einiges schwerer. Es gibt zwar die Føroya Pride und auch der Ehe für alle wurde 2017 endlich zugestimmt, trotzdem hat man auf der kleinen Insel immer noch mit Diskriminierung zu kämpfen. Ein Blick auf die Seite Foroysk Gay Memes zeigt schon, wie schwierig es ist, auf der kleinen Insel nicht heterosexuell zu sein. Insgesamt kein Wunder, dass viele Frauen das moderne Leben in Dänemark mehr schätzen. Für die färöischen Männer wird das zum Problem – es gibt einfach nicht genug Frauen. Immer mehr Männer lernen online oder durch bereits bestehende Kontakte Frauen aus Thailand oder den Philippinen kennen. Ehefrauen sind dort mehr als erwünscht, daher stellen die 300 eingebürgerten Thailänderinnen die größte ethnische Minderheit der Inseln dar.

Leibspeise: Gefüllter Puffin und geräuchertes Walfleisch

Für eine Vegetarierin wie mich war die Insel kulinarisch kein Höhepunkt. Die Leibspeise ist gefüllter Papageientaucher und der alljährliche Grindadráp ist jedes Jahr groß in den Medien und wird von vielen Menschen als grausam und mittelalterlich gesehen. Jeder, der bei der Grindwalschlacht hilft, bekommt ein Stück Walfleisch für seine Familie. Vermarktet wird wenig, das Walfleisch wird eingelegt, geräuchert, zubereitet und hauptsächlich für den Eigenbedarf der Familie verwendet. Für viele Familien ist das Teil der Tradition. Das muss man nicht gutheißen. Ich frage mich allerdings, ob denn Schlachthöfe und Massentierhaltung, wie wir sie haben, so viel besser ist und wir daher das Recht haben, die Färinger_innen zu verurteilen. Was aber an Walfleisch gut sein soll, hat sich meinen Studienkolleg_innen nicht erschlossen. „Das schmeckt wie ein alter Autoreifen oder ein Stück Gummi“, sagten sie.

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Günstig durch Island

Ruth Smith, Sigrun Gunnarsdóttir & Co.

„22% weibliche Künstlerinnen hängen in diesem Museum“, sagte Solveig Hanusardóttir Olsen. Sie ist die Kuratorin des Kunstmuseums der Färöer in Tórshavn und hat sich bereits in ihrer Dissertation den Künstlerinnen der Inselgruppe gewidmet. 22% klingt nicht nach besonders viel, verglichen mit den Kunstmuseen in Europa und den USA ist das eine äußerst große Zahl. Nach Recherchen der Guerilla Girls hängen im Museum of Modern Art in New York weniger als 5% weibliche Künstlerinnen, wohingegen 85% aller Akte weiblich sind. In Deutschland sieht das nicht viel anders aus, für Österreich sind mir keine Untersuchungen bekannt. Warum sind es also auf den Färöern so viele? Ganz einfach, weil die Kunstgeschichte dort erst 1830 beginnt. Vorher gab es einfach kein Papier und keine Malutensilien. Die ersten Zeichnungen entstanden daher mit Resten, die Reisende auf der Insel zurückließen.

Didrikur a skarvanesi1
Díðrikur á Skarvanesi, 18 fuglar, 1802–1865, Listasavn Føroya.
Neben Sámal Joensen Mikines und Ingálvur av Reyni zählt Ruth Smith zu den bekanntesten Künstler_innen der Insel. Sie galt als zurückgezogen, weshalb sie sich vermutlich auch dazu entschied, nach dem Kunststudium wieder auf die Färöer zurückzuziehen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, der ebenfalls Künstler war, lebte sie im kleinen Ort Nes. Dieser Ort inspirierte sie zu einigen Kunstwerken, gleichzeitig wurde sie von den Bewohner_innen aufgrund ihres eigenartigen Jobs – vor allem für eine Frau – skeptisch beäugt. Sie starb ähnlich wie Virginia Woolf durch Ertrinken, ein Selbstmord soll es allerdings nicht gewesen sein. Obwohl die Kunst auf den Färöern so jung ist, stellt das Kunstmuseum Listasavn Føroya hauptsächlich Malereien und Skulpturen aus. Zum Zeitpunkt meines Besuches gab es nur eine Videoinstallation, eine zweite war noch im Aufbau. Auch daran wird laut Kuratorin Olsen gearbeitet, immer mehr zeitgenössische Kunst soll ihren Weg ins Museum schaffen. Auf den Färöern gibt es nur 1 ½ Kuratorinnen, daher steht Solveig Olsen nach der Führung und dem Beantworten der Fragen auch an der Kassa und verkauft Tickets an zwei andere Besucher.

Handshake mit den Royals

Im August ließ sich das dänische Kronprinzenpaar (endlich!) auf den Färöern blicken. Vermutlich weil sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass es auf den Inseln wirtschaftlich bergauf geht und die Touristenzahlen rasant steigen.

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Gerade was Dänemark betrifft, gibt es auf den Inseln gespaltene Ansichten. Zwar ist die Insel-Gruppe Teil des dänischen Königreichs, aber dennoch mit eigenem Parlament und Premierminister weitgehend autonom. Um aber vollständige Unabhängigkeit, die sich viele wünschen, erreichen zu können, bräuchten die Färinger_innen zuerst eine eigene Verfassung. Das Verfassungsreferendum, das für April 2018 angesetzt war, wurde allerdings auf unbestimmte Zeit verschoben. Wirtschaftlich ist die Insel-Gruppe in vielen Belangen auf die monetären Mittel Dänemarks angewiesen. Da die Färöer aber eine Sonderregelung haben und nicht zur EU gehören, können die Fischereibetriebe ihren Fisch teuer an Russland verkaufen. Es heißt: In Russland ist jeder fünfte Fisch bereits von den Färöern. Auch während des 2. Weltkriegs ging es wirtschaftlich bergauf. Grund dafür war der rege Fischfang und die kriegsbedingte Unfähigkeit anderer Fischereinationen sich am Handel zu beteiligen. Allein in Großbritannien stellten die Färöer 20% des Fisches. Das ist Grund genug für viele, von der Unabhängigkeit zu träumen. Als Kronprinz Frederik und Kronprinzessin Mary in Tórshavn ankamen, waren es daher hauptsächlich ältere Bewohner_innen, Schul- und Kindergartengruppen, die das royale Paar neben offiziellen Vertreter_innen der Inseln willkommen hießen. Das Kronprinzenpaar absolvierte samt Kindern einen Besuchsmarathon wichtiger Institutionen – natürlich in klassischer färöischer Tracht.

Und so hieß es statt „Góðan dag“ doch wieder mal nur „Goddag“.

Ausblick auf Mykines
Ausblick auf Mykines
Landschaft in Mykines
Landschaft in Mykines
Papageientaucher in Mykines
Papageientaucher in Mykines
Papageientaucher in Mykines
Papageientaucher in Mykines
Wanderung in Gjógv
Wanderung in Gjógv
In Nólsoy
Nólsoy mit dem Nóllywood-Zeichen
Kirkjubæjarklaustur
Kirkjubæjarklaustur
Ausblick von der Fähre nach Mykines
Ausblick von der Fähre nach Mykines
Sonne in Tórshavn
Sonne in Tórshavn
Arbeiter auf einem Schiff in Tórshavn
Arbeiter auf einem Schiff in Tórshavn
Der Hafen in Tórshavn
Der Hafen in Tórshavn
Die zweitgrößte Stadt Klaksvík
Die zweitgrößte Stadt Klaksvík
Fährentrip in Vestmanna
Fährentrip in Vestmanna




2 Gedanken zu “Färöer Inseln: Ein Sommer bei 12 Grad und Nebel

    1. Danke! Ich wusste davor auch sehr wenig über die Färöer. Viele Österreicher_innen kennen die Inseln nur wegen der historischen Fußball Niederlage. 😀

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