Die neuen Baumwoll-Alternativen

100% Baumwolle zeugt von Qualität? Leider zeugt diese Angabe vor allem von prekären Zuständen auf dem Feld, im Umgang mit Mensch und Natur. Bio-Baumwolle, Bambus oder Hanf: Welche Alternativen gibt es und was bringen sie uns?

Kinderarbeit und Giftspritze

Europa ist einer der größten Abnehmer usbekischer Baumwolle. Nicht zuletzt deshalb ist Baumwolle das wichtigste Agrarprodukt Usbekistans. Die Baumwollpflanze wird sogar auf dem eigenen Wappen gezeigt und für andere repräsentative Zwecke genutzt. Wenn es denn sein muss, wird sie nach der Ernte sogar wieder angeklebt.

Der übersteigerte Wert dieser Pflanze führt jedoch dazu, dass jedes Jahr rund 450 000 Kinder auf die Felder geschickt werden.[1] Auch die Lehrer_innen der Kinder werden zur Zwangsarbeit auf dem Feld verpflichtet – die Schule wird vom Staat einfach geschlossen, um die primäre Einnahmequelle des Landes zu sichern. Manche Kinder erhalten drei Cent pro Kilogramm, andere werden überhaupt nicht bezahlt. Lehrer_innen und Schüler_innen werden sogar mit Schulverweis bestraft, wenn sie gewisse Quoten nicht erreichen. Und das obwohl viele bereits in den Sommerferien auf dem Acker stehen, um Unkraut zu jäten oder die Pflanzen mit Pestiziden zu behandeln. Zwar wurde Kinderarbeit 2008 offiziell abgeschafft, Recherchen von unabhängigen Journalist_innen ergaben allerdings das Gegenteil. Einige Kinder gaben sogar an, dass sie keinen Unterschied zur Ernte im Vorjahr merkten.

Kinder ernten Baumwolle in Usbekistan
(c) flickr CC0/Chris Shervey

Kinderarbeit allein ist ein Hauptgrund auf Bio-Baumwolle umzusteigen, da auch die sozialen Standards besser kontrolliert werden. Ein weiterer Grund ist Endosulfan: Die WHO schätzt, dass pro Jahr 20 000 Menschen an Vergiftungen durch diese Pestizide sterben. Spritzmittel töten nicht nur den Baumwollkapselwurm und andere Insekten – wenige Tropfen reichen aus, um einen Erwachsenen zu töten. Kirsten Brodde, die als Greenpeace Redakteurin selbst eine Reise nach Indien getätigt hat, war davon überzeugt, dass Bauern wissen, wie sie mit den gefährlichen Pestiziden umgehen sollen. Allerdings glich eine solche Informationsveranstaltung eher einem Marketing-Event als einem Warnhinweis. Was offiziell vorgeschrieben ist, wird nicht eingehalten oder in der fremden Sprache nicht verstanden. Hinzu kommt, dass Insektizide von namhaften Konzernen (u.a. Bayer) einen extrem hohen Preis haben. Fallen die Ernten dann nicht so gut aus, benutzen viele Bauern diese Mittel, um sich das Leben zu nehmen: In Indien gleicht das einem Selbstmord alle 32 Minuten.

Herkömmliche Baumwolle ist aber nicht nur für Menschen giftig, sondern auch für die Umwelt. Die Pflanze benötigt Mineraldünger, der die Böden mit einer Überdosis Nitrat anreichert und kaputt macht. Wenn Bauern auf Bio-Baumwolle umstellen wollen, müssen sie bis zu drei Jahre warten, bis die Baumwolle tatsächlich als bio klassifiziert werden kann. So lange brauchen die Böden, um sich zu erholen – eine sehr intensive Reha.

Stellen wir uns eine Wüste vor. Eine Wüste aus Salz, aus der toxische Winde bis in die umliegenden Dörfer geweht werden und dort Kehlkopfkrebs und Tuberkulose verursachen.[2]
Tansy E. Hoskins

Was die Autorin Tansy Hoskins hier beschreibt, ist der Aralsee. In diesem See lebten 24 Fischarten und die Menschen der umliegenden Dörfer lebten großteils von dieser Vielfalt. Mittlerweile hat sich dieser See um 15% reduziert. Grund ist die usbekische Baumwolle, die bewässert werden muss – und zwar auf einer Fläche von 1,47 Millionen Hektar. Baumwolle ist keinesfalls eine Kulturpflanze die mit wenig Wasser auskommt. Im Gegenteil: Ein Wattestäbchen benötigt 3,4 Liter Wasser, ein Shirt liegt also bei rund 2000 Liter Wasser. Bereits in Sowjetzeiten begann Usbekistan damit Wasser aus diesem See abzuleiten, um das Exportprodukt No.1 zu pushen. Die Fischer_innen haben mittlerweile die Dörfer verlassen, ihre rostenden Fangflotten bleiben zurück.

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Verlassene Schiffe auf dem Grunde des ehemaligen Aralsees
(c) flickr CC0/Arian Zwegers

Gen-Pflanzen oder Bio-Baumwolle?

Anfangs gab es einen großen Hype um die genmanipulierte Pflanze. Es hieß, dass die eingeschleusten Gene giftige Eiweiße produzieren, um gegen den Hauptfeind immun zu sein.[3] Allerdings ist die Pflanze nicht immun gegen andere Ungeziefer, wie Blattläuse und Stinkwanzen. Mittlerweile zeigt auch der Baumwollkapselwurm – der bereits erwähnte Hauptfeind der Pflanze – Resistenzen gegen das Gift. Man konnte den Pestizidverbrauch also nur kurzfristig senken, aufgrund der Resistenzen stieg er allerdings langfristig wieder.

Außerdem ist gentechnisch verändertes Saatgut vier Mal teurer als das gewöhnliche. Verkauft werden vor allem utopische Erwartungen, die Bauern dazu bringen sich hoch zu verschulden. Mit einem Einkauf ist es nicht getan, da die ‚Copyright-Bestimmungen’ hart greifen. Das Saatgut kann nicht aus der Ernte gewonnen werden, sondern muss immer wieder neu erworben werden.

Bei einem Umstieg auf Bio-Baumwolle könnten die Bauern ihr Saatgut vermehren. Zudem wären sie nicht angewiesen auf teure Pestizide und Düngemittel. Fruchtfolge anstatt der immerwährenden Monokulturen reduziert Schädlinge auf natürliche Art. Schon jetzt gelten Bio-Bauern als diejenigen mit den besten und fruchtbarsten Böden. Die humusreichsten Böden holen automatisch auch viel mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre: Bio hilft also nicht nur den Bauern, sondern auch uns, da der Klimawandel eingebremst werden kann.

Derzeit hat Bio-Baumwolle – was man aufgrund des Bio-Hypes schwer nachvollziehen kann – nur einen weltweiten Anteil von 0,5 Prozent.

Die neuen Alternativen

Bio-Baumwolle ist zwar eine vielversprechende Alternative, das Wasseraufkommen ist aber auch bei der sparsamen Tröpfchenbewässerung sehr hoch. Es gilt also genügsamere Pflanzen zu finden, die ohne viel Aufwand herangezogen werden können. Infographik über BaumwolleHanf wurde bereits ab dem 3. Jahrhundert angebaut und war gerade aufgrund dieser Charakteristika bei Germanen und Kelten beliebt: Hanf wächst extrem schnell, ist unempfindlich gegen Insekten und benötigt sehr wenig Wasser.[4]

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Tencel: Die bessere Alternative?

Hier ist bloß das Spinnen des Garns mühsamer. Der eigentliche ‚Abturner’ liegt aber vor allem in der Drogen-Assoziation.

Die für Textilien genutzte Sorte hat mit einer Droge zwar nichts zu tun, für die schicke Modeszene ist es aber durchaus ein Ausschlusskriterium. Außerdem ist das Marketing in diesem Bereich zu sehr in der Öko-Nische verwurzelt, sodass sich wenige für Hanf-Kleidung begeistern können.

Ramie lässt sich ebenfalls binnen kürzester Zeit ernten. Die Ramiefaser ist extrem reißfest, hat aber den Nachteil, dass sie schwer gewonnen werden kann – es ist also eine eher teure Angelegenheit.

Wichtig ist, von dem was wir kennen, abzuweichen. Schließlich lassen sich auch Pflanzendaunen, wie Kapok, für Textilien verwenden. Die Faser des Kapokbaumes lässt sich gut verspinnen, außerdem können die Bauern zusätzlich die Frucht des Baumes verkaufen: Es rentiert sich also doppelt.

Viele trendige Öko-Label bieten mittlerweile Kleidung aus Mais und Soja an. Beides wird aber eher in Monokulturen angebaut und zu einem hohen Prozentsatz gentechnisch manipuliert. Die Ernten werden nicht getrennt, sodass für den Konsumenten keine Möglichkeit geboten wird, nachzuprüfen.

Kleidung aus Bambus klingt zwar extravagant, ist aber auch zu hinterfragen. Nicht immer handelt es sich um den natürlichen Bambus, der direkt aus der Faser gewonnen wird. Viel häufiger ist Viskose-Bambus: Hier liefert Bambus den Rohstoff für Zellulose, die erst industriell gewonnen werden muss.

Trotzdem sollten wir Zellulosefasern nicht verachten. Tencel und Modal erfahren momentan einen großen Hype, auch weil Fair Fashion Anbieter wie ArmedAngels diese Fasern in ihrem Sortiment führen. Modal wird aus dem Buchenholz gewonnen und in einem industrialisierten Prozess gewonnen. Besonders Tencel halte ich für vielversprechend, schließlich kann das Lösungsmittel – welches zur Gewinnung der Faser benötigt wird – komplett wiederverwendet werden.

In meinem Outfit-Post bin ich bereits näher auf diese Faser eingegangen. Optisch gibt es auf jeden Fall keinen Unterschied zu herkömmlichen Stoffen!


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  1. Kirsten Brodde, Saubere Sachen. Wie man grüne Mode findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt, München 2009.
  2. Tansy E. Hoskins, Das antikapitalistische Buch der Mode, Zürich 2016.
  3. Greenpeace Magazin, Textil-Fibel 5. Gut anziehen – gesund, umweltfreundlich und fair, Hamburg 2016.
  4. Die Tageszeitung „The Guardian“ berichtet über repräsentative Maßnahmen im Zuge hochrangigen Besuchs: https://www.theguardian.com/world/2015/oct/16/uzbek-farmers-glue-cotton-on-bushes
  5. Die britische Environmental Justice Foundation berichtet über Kinderarbeit in Baumwollfeldern nach dem offiziellen Verbot 2008: http://ejfoundation.org/sites/default/files/public/still_in_the_fields_web.pdf

[1] Brodde 2009.

[2] Hoskins 2016, S. 135.

[3] Greenpeace Magazin, S. 22-23.

[4] Brodde 2009, S. 183.


Beitragsbild: Pixabay/Shon Ejai




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