Fünf Bücher, die dich verletzen werden

Sachbücher sind was für Geologie- und Erdkundefanatiker?! Schon längst nicht mehr! Die Ära des stiefmütterlich behandelten Sachbuchs, das früher keine einzige Urlaubsreise begleiten durfte, ist nun vorbei. Mittlerweile thront Noam Chomsky auf Podesten in den Schaufenstern der Buchhandlungen. Das tödliche, weiße Gift ist auf einmal perfektes Thema für das Essen bei den Schwiegereltern. Tja, und wenn sogar der Darm an Charme gewinnt, wird es endgültig Zeit, den Sachbüchern eine neue Chance zu geben!

1. Saubere Sachen: Gibt es die überhaupt noch?

Der große Vorteil von Sachbüchern ist, dass sie in 90% der Fälle von Leuten geschrieben wurden, die sich richtig gut auskennen. Und damit meine ich nicht die selbsternannten Experten des deutschen Unterhaltungsfernsehens, sondern Menschen die jahrelang an einem Projekt gearbeitet haben und mit Menschen vor Ort gesprochen haben. Eine von diesen Menschen ist Kirsten Brodde, Journalistin und Aktivistin, die zehn Jahre für Greenpeace gearbeitet hat. Dieses Buch basiert größtenteils auf ihren Recherchereisen für das Greenpeace Magazin und erzählt von den Menschen, die mit den giftigen Materialien arbeiten, die wir später auf unserer Haut tragen.

Aufgeschlagenes Buch, Hammer und BlumenKirsten Brodde, Saubere Sachen. Wie man grüne Mode findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt, Ludwig Verlag, München 2009.

2. Neunjährige, die mit Schlagbohrmaschinen arbeiten

90% der deutschen Pflastersteine kommen aus Steinbrüchen in Indien. Dort hantieren Kinder mit 45 kg schweren Schlagbohrmaschinen ohne Lärm- und Atemschutz, bekleidet mit Flip Flops. Du ahnst es wahrscheinlich schon: Dieses Buch hat’s so richtig in sich. Der Autor Benjamin Pütter ist Berater für Kinderrechte und reist seit den 80er Jahren regelmäßig nach Indien. Dort spricht er mit Kindern und versucht mehr über deren Situation herauszufinden. Gemeinsam mit lokalen Aktivisten konnte er ein Auffangnetz für ehemalige Kindersklaven gründen. Es ist nämlich nicht so einfach: Nach der schwierigen Befreiung der Kinderarbeiter beginnen die Probleme erst. Junge Erwachsene, die ihr Leben im Steinbruch verbracht haben und weder lesen noch schreiben können, werden nämlich bei der nächsten Gelegenheit erneut Opfer von falschen Versprechungen oder Menschenhandel.

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6 Gründe, warum die Modeszene rassistisch ist

Ich habe dieses Buch an einem Wochenende gelesen und konnte es kaum weglegen. So erschreckend es auch ist, dieses Buch zeigt, dass wir verantwortlich für unseren Konsum sind. Wir sind keine graue Masse, die tun und lassen kann, was sie will. Es gibt Kinder, denen wir es schuldig sind, uns für das Gute zu entscheiden.

Buch über Kinderarbeit von Benjamin PütterBenjamin Pütter/Dietmar Böhm, Kleine Hände – großer Profit. Kinderarbeit – Welches ungeahnte Leid sich in unserer Warenwelt verbirgt, Heyne Verlag, München 2017.

3. Antikapitalismus pur!

Dieses Buch vereint zwei Dinge, die ich mag: Gespür für Mode und antikapitalistische Ideen. Tansy Hoskins ist bekennende Modeliebhaberin nur deshalb wollte sie dieses Buch schreiben und Journalistin. Ihre Liebe für Design, Stoffe und neue Kollektionen führt sie bald hinter den Vorhang der glamourösen Modebühne. Denn Mode ist in erster Linie Ausbeutung und die Vergötterung von weißen, männlichen Modeschöpfern. In diesem Buch geht es nicht nur um Sweatshops. Hoskins thematisiert vor allem Rassismus, Bodyshaming und die Modemedien. Sie hinterfragt die gängige Konsumpraxis und malt nicht nur schwarz. Am Ende des Buches gibt es einen Lichtblick: Mögliche Zukunftswelten, in der faire Mode wirklich existieren könnte.

Das antikapitalistische Buch der Mode von Tansy HoskinsTansy E. Hoskins, Das antikapitalistische Buch der Mode, Rotpunktverlag, Zürich 2016.

4. Mutterschutz & Karenz: Die Situation der Frauen in Bangladesch

Im Gegensatz zum vorherigen Buch geht es bei Gisela Burckhardt hauptsächlich um die Ausbeutung von Frauen in Bangladesch. Fabrikseinstürze und ihre Ursachen, Rechtsverdrehungen, korrupte Politiker: Einfach alles, was wir nicht gerne im Sommer am Pool lesen. Burckhardt ist Vorstandsvorsitzende bei FEMNET e.V. und setzt sich auch in ihrer Vereinsarbeit für faire Arbeitsbedingungen ein. Eine politische Aktivistin, die weiß, wie man den prekären Zuständen in Fabriken ein Ende bereiten könnte. Wer sich genauer über Audits und Sicherheitsüberprüfungen informieren möchte, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

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Wollpullis: Die Wahrheit hinter der Kuschel-Optik

Todschick - Buch über sweatshopsGisela Burckhardt, Todschick. Edle Labels, billige Mode  unmenschlich produziert, Heyne Verlag, München 2015.

5. Ein Manifest gegen Bullshit-Jobs

Im Gegensatz zu den anderen Sachbüchern geht es bei Ich bin raus nicht um Mode. Es gibt aber trotzdem eine große Gemeinsamkeit: Kapitalismus-Kritik. Wringham bezeichnet sich selbst als Befreiungskünstler, der der Falle entkommen konnte. Als Falle bezeichnet er gesellschaftliche Erwartungen und den damit verbundenen Konsum: 40-Stunden-Woche, BMW, Eigentumswohnung, Schulden und noch mehr Arbeit.

Dieses Buch behandelt, wie ich finde, First-World-Problems. Die Ideen und Gedankenspiele sind größtenteils wirklich bereichernd. Ich bin dafür, das eigene Leben zu hinterfragen und sich selbst zu prüfen. Ist mein Leben okay? Reicht okay oder bleibe ich bloß aus Bequemlichkeit bei meinem Arbeitgeber, in meinem Land, bei meinem Tinder-Match?

Trotz der vielen spannenden Ansätze würde ich dieses Buch gerne für den „Bobo-Preis“ nominieren. Laut Wringham gibt es Menschen, die das Leben kapiert haben und deren Beispiele er auch im Buch anführt. Und Menschen, die eben Verlierer sind, weil es einfach noch nicht Klick gemacht hat. Diese Menschen, die er als Vorbilder anführt, leben teilweise von ihrem eigenen Laden, den sie nur zwei Mal die Woche öffnen, ernähren Kinder und verreisen mehrmals im Jahr in ferne Länder. Ernsthaft? Wer kann sich das leisten? Am Ende des Buches bin ich beim traurigen Fazit angelangt, dass man es sich leisten können muss, den Weg aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung zu gehen.

Ich bin raus von Robert WringhamRobert Wringham, Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung, Heyne Verlag, München 2016.


Buchrücken von fünf Büchern


Diese Bücher habe ich bereits als Grundlage für einige meiner Beiträge verwendet. Wenn dich ein Buch besonders interessiert, kannst du dich hier gerne weiter vertiefen:

6 Gründe, warum die Modeszene rassistisch ist

Fast Fashion: Wie wir andere Frauen ausbeuten / Teil 1

Die neuen Baumwoll-Alternativen

 




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