Und es tut noch immer weh.

Eine Geschichte über meine Katze Sonja

Der rote Pulli mit den Glitzerpailletten liegt hoch oben in meinem Kleiderschrank, gut verstaut in einer kleinen Schachtel. Ich habe ihn gerne in der Arbeit getragen, aber ich kann ihn jetzt nicht mehr in die Wäsche geben und muss ihn aufheben. Auf dem Pulli sind meine letzten Katzenhaare. Dieselben Katzenhaare, die mich früher wahnsinnig genervt haben. Dieselben weißen Katzenhaare, wegen denen ich mich zu Hause immer sofort umgezogen habe. Dieselben weißen Haare, wegen denen ich gefühlte 100 Kleiderroller verbraucht habe.

Katze Sonja sitzt auf Schultasche

16 Jahre zuvor haben wir Sonja bekommen. Nachdem ich mir so lange eine Katze gewunschen hatte, eine mit weißem Fell. Vermutlich wegen der Whiskas Werbung.

Bald darauf ist Sonja dann auf einmal in unserem Wohnzimmer gestanden, sie war sehr scheu. Ich habe versucht, Sonja das Singen beizubringen. Ich bin immer schnell von der Schule heimgegangen, um mit Sonja zu spielen. Es war unser Ritual: Sie holte mich unten bei der Eingangstür ab, ich bückte mich, damit sie auf meine Schultasche kraxeln konnte und so gingen wir die Stiegen rauf ins Wohnzimmer.

„Ich kann heute nicht, ich muss mich mit meiner Katze anfreunden!“ Ja, es gab eine Zeit, da habe ich diesen Satz nicht als Ausrede empfunden, sondern als sehr glaubwürdig. Ich hatte Angst mit dem Wechsel ins Gymnasium nicht mehr genug Zeit für meine Katze zu haben. Also habe ich versucht, in meiner Freizeit öfter bei Sonja zu bleiben. Sonja und ich waren ein Team. Ich habe ihr zu ihrem dritten Geburtstag ein Bild gemalt, habe später sogar eine Geburtstagsfeier für sie organisiert. Meine damalige beste Freundin hatte sogar ein Geschenk dabei. Von meinem Taschengeld habe ich keine Süßigkeiten beim Bäcker ums Eck gekauft, sondern Leckerlis für Sonja. Wenn es sich ausgegangen ist, auch mal eine Spielmaus.

Anni mit Katze Sonja auf dem Schoß

Wir dachten nicht, dass es so schnell gehen wird. Im September nachdem Sonja zwei Tage nichts gegessen hatte stand die Diagnose Niereninsuffizienz fest. Bei mir hat es nicht geklingelt. Ich wusste bereits, dass das viele Katzen in hohem Alter bekommen. Ich wusste aber auch, dass man mit Infusionen und Tabletten noch einige schöne Jahre haben kann. Also dachte ich mir nicht so viel. Immerhin war es bei Sonja eine Nierenerkrankung im Anfangsstadium. Dann ging es Schlag auf Schlag: Sonja verlor immer mehr Gewicht, wurde dünner und dünner bis man ihre Rippen beim Streicheln spürte.

Katze Sonja im Weihnachtsbaum

In dieser Zeit war ich ständig mit meiner Mama in Kontakt, um zu hören, ob es Neuigkeiten gab.  Als ich hörte, dass sie einfach nichts essen und trinken wollte, fuhr ich nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Sonja schon mehr und mehr zurückgezogen. Aber immer wenn ich ihren Namen rief, kam sie trotzdem aus ihrem Versteck. Wenn ich ihr eine Schale Wasser vor die Nase stellte, trank sie ein bisschen. Nicht viel, fast so, als würde sie nur meinetwegen trinken.

Als ich wieder zurück nach Wien fuhr, hoffte ich noch, der Tierarzt könnte das Problem mit ein paar Infusionen wieder „richten“.

Doch es half alles nichts. Der Tierarzt meinte, sie hätte so schnell so stark abgebaut. Und dass die hohen Nierenwerte die Schilddrüsenwerte verblenden würden und das Problem vielleicht größer war als ursprünglich angenommen. Wir warteten noch ein paar Tage ab, aber Sonja wurde immer schwächer. Zum Schluss konnte sie gar nicht mehr normal gehen, sondern nur noch robben. An ihrem letzten Abend schaffte sie es mit Müh und Not auf die Terrasse an ihren Lieblingsplatz. Meine Mama musste sie am Tag darauf reintragen, weil sie selbst dazu nicht mehr in der Lage war.

Sonja kurz vor ihrem Tod

Als ich wieder zu Hause war, lag Sonja fast regungslos in ihrem Katzenbett. Unter der Zeichnung, die ich ihr vor 13 Jahren gemalt hatte. Ich streichelte sie zwei Stunden, redete mit ihr und sagte ihr, wie gern ich sie habe. Dabei zuckte sie immer wieder mit ihrem Bein und versuchte, ihren Kopf in meine Richtung zu drehen. Auch das ging nicht mehr wirklich.

Schließlich ist der Tierarzt bei uns eingetroffen. Wir wussten, es geht einfach nicht mehr anders.

Eine halbe Stunde später war alles vorbei. Ich hatte mehr verloren, als eine Katze. Eine Freundin, Schwester und Gefährtin war auf einmal weg. In eine Decke gewickelt habe ich sie runtergetragen und gemeinsam mit meiner Mama begraben.

Und jetzt? Es tut noch immer weh, ehrlich gesagt. Ich suche krampfhaft nach alten Fotos, scanne sie ein, schicke sie mir aufs Handy. Ich habe Angst, Sonja zu vergessen. Ihre Art zu schnurren, mich zu beruhigen und mir beim Geigenspielen zuzuhören. Wird die Erinnerung daran irgendwann genauso verschwinden wie ihre Katzenhaare?

 




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.